Die Hölle als totale Einsamkeit
Quelle: Ratzinger J. [Benedikt XVI.], Credo für heute. Was Christen glauben. Hrsg. V. Zaborowski u. H., Letzkus A. Freiburg 2006. S.85ff

 

„Hinabgestiegen zur Hölle“ - Papst Benedikt XVI. nimmt hier einen Teil des Glaubensbekenntnisses auf, um diesen zu entfalten. Er fragt an, ob in diesem Satz nicht gerade die Erfahrungen unserer Zeit thematisiert sind, "dass Gott einfach abwesend scheint, dass das Grab ihn deckt, dass er nicht mehr aufwacht, nicht mehr spricht, so dass man nicht einmal mehr ihn zu bestreiten glaubt, sondern ihn einfach übergehen kann. ´Gott ist tot, und wir haben ihn getötet´. [Nietzsche]". (Ratzinger J., ebd. S.86).

Und später schreibt Benedikt: "So aber erinnert uns der Artikel vom Höllenabstieg des Herrn daran, dass zur christlichen Offenbarung nicht nur Gottes Reden, sondern auch Gottes Schweigen gehört. Gott [...] ist auch der verschwiegene und unzugängliche, unverstandene und unverstehbare Grund, der sich uns entzieht." (Ratzinger J., ebd. S.88). Benedikt beteuert, dass wir "die Wahrheit von der bleibenden Verborgenheit Gottes" nicht vergessen dürfen. Schweigen und die Verdunkelung Gottes sind Realitäten. Und ist es nicht Jesus selbst, der bei Mk 15,34 ruft "Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?"

Exegetisch ist das Wort Hölle im Glaubensbekenntnis nur eine undeutliche Übersetzung für das hebräische "Scheol", was besser mit "Hades" wiedergegeben wäre. Damit haben die Hebräer einen Zustand jenseits des Todes bezeichnet, den man sich als eine Art von Schattendasein vorstellen könnte. Aber auch der Abstieg in die Schattenwelt ist nicht unbedingt erfreulich. Was aber Höllenfahrt bedeuten könnte, lässt sich aus Jesu letzten Worten, "Mein Gott, warum hast Du mich verlassen?" erahnen: nicht physischer Schmerz, sondern radikale Einsamkeit. Vielleicht kommt hier der Abgrund des Menschen überhaupt, nämlich letztlich einsam zu sein, zum Vorschein. Im Innersten sind wir alle allein.

Wir kennen viele Zerstreuungen und Ablenkungsmanöver, die uns vor unserer inneren Einsamkeit schützen sollen. Benedikt schreibt dazu weiter: "Deshalb ist die Einsamkeit die Region der Angst, die in der Ausgesetztheit des Wesens gründet, das sein muss und doch in das ihm Unmögliche ausgestoßen ist." Kinder, die in der Nacht durch den Wald gehen, fürchten sich auch dann, wenn man ihnen vorher logisch bewiesen hat, dass sie keine Angst zu haben brauchen. Im Augenblick der realen Finsternis steht die Furcht einfach auf, die eigentliche Furcht des Menschen, nicht die Furcht vor etwas, sondern die Furcht an sich. Furcht vor etwas könnte ich ja bannen, aber was tun gegen die Furcht an sich? Rational ist die Furcht der Einsamkeit, die Unheimlichkeit und Ausgesetztheit des eigenen Wesens nicht bewältigbar. Kinder können ihre Furcht erst dann überwinden, wenn eine Hand da ist, die sie ergreift und sie führt. Auch das Erklingen einer Stimme kann die Furcht nehmen. Das Vernehmen eines Du kann tatsächlich die Furcht nehmen, der Verstand kann das niemals. Die eigentliche Furcht des Menschen kann nicht der Verstand nehmen, nur die Gegenwart eines Liebenden kann das leisten.

So wird klar, was Hölle bedeutet: "Wenn es eine Einsamkeit gäbe, in die kein Wort eines anderen mehr verwandelnd eindringen könnte; wenn eine Verlassenheit aufstünde, die so tief wäre, dass dorthin kein Du mehr reichte, dann wäre die eigentliche totale Einsamkeit und Furchtbarkeit gegeben, das, was der Theologe ´Hölle´ nennt." (Ratzinger J., ebd. S.91f). Das wäre eine Einsamkeit, in die die Worte der Liebe nicht mehr eindringen könnten.

Wie ist dann die oft von Literaten und Denkern vertretene Aussage zu verstehen, dass alle Begegnungen zwischen Menschen nur an der Oberfläche blieben, dass kein Mensch jemals zur eigenen Tiefe des anderen Zugang hätte? Kann demnach niemand in die eigentliche Tiefe des anderen hineinreichen? Betäubt im Grunde jede Begegnung, wie schön sie auch scheint, nur die unheilbare Wunde der Einsamkeit? Ist das unserer Bestimmung? Die nicht heilbare Verletzung der Einsamkeit immer wieder zu betäuben? Ist damit jede Umarmung nur ein Narkotikum der ewig offenen Wunde Einsamkeit? Im tiefsten Grund unseres Daseins würde also die Verzweiflung und damit die Hölle wohnen. Ist also alle Furcht der Welt letztlich nur eine Furcht vor der Einsamkeit?

Im Alten Testament gibt es für Hölle und für Tod nur ein Wort, eben die "Scheol". Damit sind der Tod und die Einsamkeit identisch. Und Einsamkeit, in welche die Liebe nicht mehr vordringen kann wird zur Hölle. Und was sagt dazu das Glaubensbekenntnis? Wenn Christus hinabgestiegen in das Reich der Hölle ist, dann kennt er diesen Abgrund unseres Verlassenseins, wo uns keine Stimme mehr erreichen kann.

Alte Bilder haben oft die Pforten der Hölle als durch Christus geöffnet oder zerbrochen dargestellt. Wenn also Christus hinabgestiegen in das Reich des Todes ist und die Pforten der Hölle geöffnet hat, dann ist die Angst und Einsamkeit, die Verlassenheit des Menschen aufgebrochen. Liegen hier nicht die Wurzeln einer unglaublichen Hoffnung auf Erlösung?